Arbeiten / Wohnen an der Kelter.

Das Wohnhaus im historischen Ortskern von Feuerbach zeigt, wie sich auf einem kleinen, schwierig geschnittenen innerstädtischen Grundstück dichter, bezahlbarer und zugleich qualitätsvoller Wohnraum schaffen lässt. Der Entwurf beruht auf einer Haltung der Angemessenheit: Er sucht nicht die große Geste, sondern die präzise Antwort auf einen Ort, der von der benachbarten Kelter, der kleinteiligen Bebauung und der gewachsenen Topografie geprägt ist.

Der Baukörper schließt an den Bestand an, nutzt die Grenzbebauung konsequent und vervollständigt so die Raumkante des Platzes. Das steile Satteldach mit seinen Gauben nimmt die Maßstäblichkeit und Dachlandschaft des alten Ortskerns auf und übersetzt sie in eine zeitgemäße, ruhige Form. Klare Volumetrie, eine einfache Fassadengliederung und eine reduzierte Materialpalette verleihen dem Haus eine selbstverständliche Präsenz im Ensemble – eigenständig, aber ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

Die Grundrissorganisation verbindet hohe Flächeneffizienz mit Wohnqualität. Neun Wohnungen zwischen 31 und 86 m² bieten Raum für unterschiedliche Lebensentwürfe – vom Einpersonenhaushalt bis zur zweigeschossigen Maisonette. Ein kompakter Treppenraum erschließt alle Ebenen, das Dachgeschoss öffnet sich mit eingeschnittenen Dachterrassen zum Himmel. Die Nutzung der Topografie macht das Sockelgeschoss zu vollwertigem Wohnraum; auf eine Unterkellerung wird verzichtet. Kurze Wege, einfache Grundrissfiguren und wenige Sonderlösungen halten Flächen- und Baukosten gering.

Konstruktiv ist das Gebäude als Skelettbau mit vorgesetzter Holzrahmenfassade konzipiert. Die massive Struktur sorgt für Tragfähigkeit, Schallschutz und Speichermasse, während die hochgedämmte Holzrahmenhülle nachwachsende Rohstoffe einsetzt und den CO₂-Fußabdruck reduziert. Einfache Bauteilaufbauten, dauerhafte Oberflächen und der Verzicht auf unnötige Ausbauschichten verringern den Materialeinsatz und erhöhen die Langlebigkeit der Konstruktion.

Auch technisch setzt das Haus auf Einfachheit. Eine hochgedämmte Gebäudehülle, natürliche Lüftung über öffenbare Fenster sowie eine Luft-Wasser-Wärmepumpe, gespeist durch Photovoltaik auf dem Dach, halten Energiebedarf, Wartungsaufwand und technische Komplexität niedrig. Die Low-Tech-Strategie senkt nicht nur Betriebskosten, sondern macht das Gebäude auch langfristig robust und nachvollziehbar – ökologisch, ökonomisch und im Alltag seiner Bewohner.

Mit neun unterschiedlich geschnittenen Wohneinheiten auf engstem Raum zeigt das Projekt exemplarisch, wie Nachverdichtung im gewachsenen Ortskern gelingen kann: durch Reduktion, Maßstäblichkeit und Angemessenheit – als Weiterbauen am Ort statt als Fremdkörper in ihm.

Direktauftrag

Mehrfamilienhaus
Bauherrschaft: privat
LPH 1–4, nicht realisiert
BGF 925 m²